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Was waren die größten Fehler bei der deutschen Währungsunion? (59/2012)

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Fast alle wissen, was sie mit Geld anfangen können. Nur wenige wissen, was Geld ist; nämlich auf der anderen Seite der Bilanz die Schulden der anderen.

In der Zeit des friedlichen Mauerfalls hatten wir Wessis vier Billionen (Bio.) DM auf den Konten bei Sparkassen, Banken und Versicherungen. Ich benötigte als Internatspädagoge damals jede Woche 2 000 DM von der Verwaltung, um meinen Jungen Taschen- und Fahrgeld auszahlen zu können. 1 000 DM bestellte ich in Münzen, 1 000 DM in Form eines Bündels von 100 10 DM-Noten. Das war ca. 1 cm dick. Mit dem Taschenrechner konnte ich meinen Jungen vorrechnen, was 1 m, 1 km und 40 000 km gestapelte 10 DM-Scheine sind. Einmal im Jahr machte ich mir den Spaß, sie raten zu lassen, wie hoch die Stapel 4 Bio. DM und 4 Bio. DM Schulden in 10 DM-Scheinen sind. Einer von 24 gewann immer; wer am dichtesten beim Erdumfang war. Eiffelturm verlor meistens, der Mont Everest gewann meistens.

Was hat das mir der Währungsunion zu tun? Alle Ossis hatten nur 130 Milliarden (Mrd.) Ost-Mark auf ihren Sparkonten. Wir Wessis hatten durch Zufall für 130 Mrd. DM Banknoten in Geldbörsen oder Tresoren. Die Staatsbank der DDR hatte nur für 14 Mrd. Ostmark im Umlauf. Sie hatte zwar für die Zukunft 200er und 500er drucken lassen, aber nicht in Umlauf gebracht. Für ein paar € können Sammler die sich seit ein paar Jahren leisten; so wie alte Inflationsscheine. Bei 600 Ostmark durchschnittlichem Monatslohn waren 50er die höchste gebräuchliche Banknoten in der DDR. Die Oberwessis Kohl, Waigel und Köhler (Staatssekretär von Waigel, später Bundespräsident) hatten keine Ahnung davon. Sie wussten aber, dass wir Wessis für 10 DM bei jeder Sparkasse 100 DDR-Mark bekommen konnten. Kohl hatte in der Schule gelernt: Wenn eine Staatsbank zu viele Banknoten druckt, gibt es eine Inflation.

Obwohl Kohl einen gesamtdeutschen Minister hatte, hatte er keine Ahnung, warum das schöne DDR-Geld so wenig Wert war. Er hätte wissen müssen, dass der normale Ossi nur 12 50iger im Monat ausgeben konnte. Das DDR-System hatte ein idiotisches Subventionssystem. Nahrungsmittel und Mieten wurden für alle Menschen verbilligt. Bei uns im Westen wurde mit der Mehrwertsteuer alles versteuert. Dadurch hatten wir genug Steuergeld in der Staatskasse, damit kein Sozialhilfeempfänger erfrieren oder verhungern musste. Die Staatsidioten der DDR besorgten sich das Subventionsgeld bei beliebten technischen Geräten. Farbfernseher kosteten in der Produktion 500 DDR-Mark. Verkauft wurden sie für 5 000 DDR-Mark. Bei Quelle im Westen konnten wir sie für 500 DM kaufen.

Als Honnecker 40 Jahre DDR feiern wollte, bestellte er in Japan 20 000 Videorekorder für 500 DM. Dafür hatte er genug Devisen. Nach 14 Tagen waren die aber ausverkauft. Was machte der gelernte DDR-Bürger? Er nahm seine gesparten 5 000 DDR-Mark vom Sparbuch, tauschte sie auf dem Schwarzen Markt in 500 DM um und kaufte sich damit den ersehnten Videorekorder im Intershop. Der Schwarze Markt war verboten. Aber die vielen Rentner kannten ja den Wechselkurs ihrer Mark von unseren Sparkassen. Warum wussten Kohl, Waigel und Köhler so weit da oben das nicht? In ihrer Dummheit verwechselten sie Spar- und Bargeld. Den Unterschied müssen Schüler der 7. Klassen wissen. Der “Geldfachmann” Köhler hätte auch wissen müssen: Unsere Bundesbank hatte damals einen Jahresgewinn in Höhe von 20 Mrd. DM. Locker hätte sie die Staatsbank der DDR 1:1 kaufen können.

Die Währungsunion kam ein Jahr zu schnell, weil Kohl damit die Wahl gewinnen wollte. Das hat uns inzwischen 2 Bio. € Steuergelder im Osten gekostet. Die frei gewählte DDR-Regierung hätte erst die Mehrwertsteuer einführen müssen. Mieten und Lebensmittel entsprechend ansteigen lassen. Sinnvoll wäre gewesen, wenn alle DDR-Bürger einen Monatslohn in DM bekommen hätten, damit sie im Westen Camping-Urlaub hätten machen können. 17 Mio. x 600 DM hätten uns Wessis 10,2 Mrd. DM gekostet. Die DDR-Mütter, wussten, was mit der DM auf sie zukommt, die Arbeitslosigkeit des Westens. Sie halbierten vorsorglich die Geburtenrate.” Die Kombinate hätten nicht zusammenbrechen müssen. *Kohl glaubte an das Wunder von Ludwig Erhard. Er meinte, mit der DM würde es im Osten blühende Landschaften geben.

Das wissen unsere 2 000 von uns Steuerzahlern finanzierten Ökonomieprofessoren an 66 Universitäten und 99 Fachhochschulen mit Wirtschaftsausbildung bis heute nicht, wie das Wirtschaftswunder 1950 funktionierte. Die Sparquote unserer Eltern und Großeltern betrug 1950 3,2 %. Wegen Hitlers Krieg mussten sie im Durchschnitt 96,8 % für Lebensmittel, Kohlen und Mieten ausgeben. Das sorgte dafür, dass praktisch alle Arbeitgeber in Gewinnen schwammen. Mit den Jahren konnten wir Wessis für den Käfer sparen. Die Sparquote stieg im Trend linear an. Bis an das Ende der Fahnenstange im Jahr 1973. 1950 betrug die Bruttoinvestitionsquote 27 %. Nach Abzug der Abschreibungen betrug die Nettoinvestitionsquote 17 %. Kein Schüler bzw. BWL- oder VWL-Student muss in Deutschland lernen, wie 17 % mit einer Sparquote von 3,2 % finanziert wurden. Klein Erna weiß: Mit unserem Spargeld finanzieren die Sparkassen die Maschinen der Unternehmer.

Ich werde das nie vergessen. Saß im Sommersemester 1968 nach zwei Jahren Bundeswehr in der TU-Hannover-Vorlesung “Geld, Kredit, Liquidität” von Professor Claus Köhler; nicht verwandt mit Horst Köhler. Er schrieb uns die Spardaten aller Westdeutschen von 1950 bis 1967 an die Tafel und fragte uns: “Wo führt das einmal hin?” Im Hinausgehen aus dem Hörsaal sagte er leise zu seinem Assistenten Lothar Hübl: “Ich verstehe nicht, dass meine Kollegen immer noch nicht gelernt haben, dass die privaten Haushalte nicht sparen müssen, damit die Unternehmen investieren können. Denn wenn die einen nicht sparen, sparen die anderen über die Gewinne. Das nennen wir Eigenfinanzierung.” Ich musste da sofort an den Satz meines Vaters denken: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

1969 studierte ich an der Uni Kiel weiter Volkswirtschaftslehre (VWL). Dazu gehörten Wirtschaftspolitik, Theoretische Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre (BWL), Finanzwissenschaft und Agrarökonomie. Dort lernte ich die Kollegen von Köhler kennen. In Hannover konnte ich von Celle aus damals nur zwei Semester VWL studieren. Die Technische Universität leistete sich den Geldspezialisten Köhler, damit die Techniker auch etwas Ahnung von Wirtschaft bekommen können. Als ich in Kiel versuchte, meine Professoren auf Köhler-Stand zu bringen, wurde der von den Gewerkschaften in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Rat der fünf Weisen oder Fachidioten) berufen. Er schrieb fünf Minderheitengutachten, weshalb er danach in das Direktorium der Deutschen Bundesbank berufen wurde.

Köhler sagte uns Studenten in Hannover: “Wenn meine Kommilitonen in Vorlesungen waren, habe ich Tennis gespielt.” Er wollte damit sagen: Wer lesen kann, kann mit Büchern auch schlau werden. Studenten sind doch keine Analphabeten. Trotzdem werden sie immer noch in Vorlesungen gelockt. Zur Zeit von Martin Luther konnte man das ja verstehen. Viele seiner Studenten waren vor 500 Jahren Fürstensöhne. Die konnten besser reiten und fechten als lesen und schreiben. Aber hören mussten sie gut können. Das musste später der junge Friedrich der Große bitter begreifen: Wer nicht hören will, muss fühlen. Heute haben alle Studenten einen Laptop mit Internetanschluss. Sie könnten alle von zu Hause aus studieren. Den Professoren müsste nur das Gehalt halbiert werden. Die andere Hälfte müssen sie sich mit Seminar- und Prüfungsgebühren selbst verdienen. Von der Technischen Universität Braunschweig ist mir bekannt: Dort haben viele Professoren ihre Vorlesungen schon im internen Netz veröffentlicht. Es fehlen nur noch Prüfungsfragen und die richtigen Antworten darauf. Dann würden endlich keine Fachidioten mehr ausgebildet.

Mit Wikipedia sind wir schon in der Zukunft. Zurück zu 1973, meinem letzten Studienjahr in Kiel. Die dortigen Professoren wollten dumm bleiben. Im kalten Februar 1973 wurde letztmalig der Artikel 12 Grundgesetz eingehalten: “Alle Deutschen haben u.a. das Recht, ihren Arbeitsplatz frei zu wählen.” Bei der Bundesanstalt für Arbeit gab es nämlich 569 958 offene Arbeitsstellen für nur 347 053 Arbeitslose. Weil es also für einen Arbeitslosen durchschnittlich 1,6 offene Stellen gab, betrug die Arbeitslosenquote nur 1,6 %. Logisch Im Februar 1974 gab es 620 154 Arbeitslose und im Februar 1975 1 183 501. Der SPIEGEL titelte Regierung Schmidt ratlos. Denn im Februar 1974 gab es nur noch 330 659 offene Stellen, die Arbeitslosenquote stieg entsprechend auf 2,7 %.
Im kalten Februar 1975 gab es nur noch 246 236 offene Stellen, die Arbeitslosenquote stieg auf 5,2 %. Logisch!

Warum? Die Sparquote war 1973 am Ende der Fahnenstange angekommen. Die schöne Zeit der Investitionen über die Gewinne war zu Ende. Wirtschaftsminister Karl Schiller, VWL-Professor von Kanzler Helmut Schmidt, fiel nur Keynes ein. Der hatte gelehrt: “In Krisenzeiten kann es sinnvoll sein, dass die Arbeitslosen einen Berg von der einen Straßenseite auf die andere transportieren. Obwohl alle Kanzler einen Pressesprecher hatten, haben sie es nicht geschafft, das Volk klüger zu machen. 2012 sind fast 60 % der reinen Geldersparnisse (ohne Aktien) zu Staatsschulden geworden. Die Staatsschulden kosteten uns Steuerzahler 2008 68 Mrd. € Staatsschuldzinsen. Man bedenke: Das ist eine Subvention an die Verursacher von Millionen-Arbeitslosigkeit und Armut (Geldsparer, Politik und Banksystem). Man könnte ja sagen: Alle in Deutschland müssen die Hälfte ihrer Ersparnisse dem Staat zinsfrei geben. Dann hätte unser Staat die 68 Mrd. € für Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Altersheime oder dreifaches Kindergeld ausgeben können. 2007 betrug die Summe aller Kindergelder nämlich 33,7 Mrd. €. Das kann man im Kopf ausrechnen, oder? Vielleicht kommt dieser Vergleich endlich bei den Medien an. Leider gilt heute noch: Geld regiert die Welt. Wir Steuerzahler geben die Hälfte der Staatsschuldzinsen Müttern und Vätern. Und da wundern die Deutschen sich, dass der Anteil der Arbeitsmigranten immer größer wird?

Warum sind wir in Deutschland so dooof und sparen doppelt so viel Geld als Wirtschaft und private Haushalte bereit sind, sich zu verschulden. Als Strafe müssen wir drei Millionen Arbeitslose und sieben Millionen Hartz IV-Empfänger mitschleppen. Unsere beamteten Politiker interessiert das nicht. Beamte können nicht arbeitslos werden. Wenn Politiker abgewählt werden, finden die meisten schnell einen gut bezahlten Job. Die Piraten werden da für etwas Wirbel sorgen. Und die 99 %-Partei steht schon in den Startlöchern für die Europawahl. Das schöne Politikerleben ist zu Ende. Das haben Westerwelle, Guttenberg und Wulff inzwischen bemerkt. Letztes Jahr dachte ich mir im Blog des Chefredakteurs der WirtschaftsWoche die Kombination “Wörterdieb Guttenberg” aus. Drei Tage später hatten das die Suchmaschinen entdeckt. Die alten Parteien müssen sich warm anziehen und endlich vernünftig und ehrlich werden.

Noch zur Dummheit, Staatsschulden seien eine Belastung für zukünftige Generationen. Unsere Schulkinder wissen doch: Zinsen müssen jeden Monat bezahlt werden! Die 2 Bio. € Geld, die den 2 Bio. € Staatsschulden gegenüberstehen, werden doch eines Tages vererbt. Wenn den Staatsschuldzinsen Einnahmen in gleicher Höhe aus Finanztransaktions-, Zins-, Erbschafts- und Vermögenssteuer gegenüber stehen, sind die Staatsschulden das geringste Problem in Deutschland.


Feb 2, 07:14

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Kommentare

  1. Wo Sie recht haben, haben Sie einfach recht :-) … aber in Hannover hats immer ein wenig länger gedauert, bis der Cent endlich gefallen war … ;)

    Mic Ruby · Apr 6, 15:44 · #

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