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Wie können wir einen neuen Adolf den Schrecklichen verhindern? (106/2013)

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Unser Klassenlehrer Willy Nättcher sagte uns Jungen der Klasse 10b der Realschule am heiligen Kreuz in Celle nach der Klassen-Forschungs-Arbeit über den Widerstand der Geschwister Scholl und deren Verbündete gegen die Nazi-Kriminellen im Jahr 1963: “Ihr könnt einen neuen Adolf nur verhindern, wenn Ihr Mitglied einer demokratischen Partei werdet.” Ich wurde SPD- und nicht CDU-Mitglied, weil ich im SPIEGEL gelesen hatte: Die CDU-Christen sind nur Namens-Christen.”

Realschullehrer Nättcher schleppte uns vor 50 Jahren in die Ausstellung “100 Jahre SPD”. Danach sagte er uns als Lehrer-Gewerkschafter: “Wenn Ihr einen neuen Adolf verhindern wollt, müsst Ihr Mitglied einer demokratischen Partei werden.” Ich hatte als Schüler die Wahl zwischen CDU, SPD und FDP. Der SPIEGEL lästerte über die CDU: Das sind die Namen-Christen. Die nennen sich christlich und machen unchristliche Politik. 50 Jahre später krebst meine SPD bei 27 %, weil Atomkanzler Schmidt zum Gründer der Grünen und Hartz IV-Kanzler Schröder zum Gründer der Linken wurde. Es gibt immer Auswege. In Sachen Energie hier: http://ahlers-celle.de/Energie-und-Klima/freie-energie-bitte-bei-wwwtimetodoch-reinschauen-95.

Zurück zu Adolf dem Schrecklichen. Vor vielen Jahrzehnten stellte der SPIEGEL dieses Buch des früheren Stadtdirektors von Helmstedt vor: “Tödlicher Alltag – Strafverteidiger im Dritten Reich”. Dietrich Güstrow war im 2. Weltkrieg als Jurist kriegsverpflichteter Strafverteidiger. Nach dem Krieg schrieb er aus dem Gedächtnis (Akten durfte er nicht für sich behalten.) u.a. diese Kindheits-Folge-Geschichte von Adolf dem Schrecklichen in sein Buch: “Ein Jugendstreich in Leonding”. Ich hoffe, die Buch-Erben erlauben mir dieses wissenschaftliche Zitat nach Artikel 5 GG. Diese Geschichte ist die beste Medizin gegen Neonazis. Die NPD erhielt bei der letzten Landtagswahl 2013 in Niedersachsen 0,2 % Erststimmen und 0,8 % Zweitstimmen. Weil sie unter 1 % blieb, bekommt die NPD dafür kein Stimmen-Geld von uns Steuerzahlern. Die NSU-Morde waren nur möglich, weil es in den Verfassungsschutzämtern Neonazis gab. Einer hatte den Spitznamen “Klein-Adolf”. Bundesregierung und Bundesrat wollen nun einen zweiten Anlauf unternehmen, die NPD zu verbieten. Aber was kommt danach?

“Im Herbst 1943 – Stalingrad lag schon ein halbes Jahr zurück – erhielt ich von einem Geschäftsmann aus Heilbronn, der eine Teigwarengroßhandlung betrieb und deshalb trotz seiner Jugend vom Wehrdienst befreit war, einen Brief mit der dringenden Bitte, mich seines Onkels namens Eugen Wasner anzunehmen, der als Gefreiter im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Spandau einsitze. Sein Verwandter habe ihn brieflich gebeten, ihm einen Berliner Strafverteidiger zu verschaffen, der ihn in einem Strafverfahren vor dem Zentralgericht des Heeres vertreten könne. Die Gründe, weshalb sein Onkel verhaftet und von der Front nach Berlin überführt worden sei, kenne er nicht. Er schilderte seinen Onkel als einen unauffälligen Mann, der Buchhalter in einer süddeutschen Stadt gewesen sei, ehe man ihn 1940 zum Wehrdienst eingezogen habe. Er sei Junggeselle und als solcher, obwohl erst Anfang Fünfzig, manchmal schon etwas schrullig; seiner Lauterkeit seien aber keine kriminelle oder sonstige strafbare Handlungen zuzutrauen.

Wenig später lernte ich Eugen Wasner kennen. Er war ein etwas kleinbürgerlicher und ziemlich redseliger Mann, der schon nach kurzer Einsamkeit der Untersuchungshaft recht verschüchtert und außerdem unbeholfen wirkte; sonst an Umgänglichkeit und Redseligkeit seiner Umgebung gewohnt, wußte er in seiner Eingeschlossenheit nicht mehr aus noch ein. Seine Erklärungen zur Sache waren verwirrend.

Wasner war ein Mitschüler Adolf Hitlers in dessen frühester Jugend im österreichischen Leonding bei Linz gewesen. In der Infanterie-Kompagnie, in der Wasner an der Ostfront stand, hatte er sich ganz offenbar damit witzig gemacht, vor allem – zum Ärger seines Vorgesetzten, eines Reserveoberleutnants – durch ständige Redereien über die Kriegslage. Seine meist jüngeren Kameraden nahmen ihn als etwas schrulligen Einzelgänger wohl nicht ganz ernst, heuchelten jedoch Interesse, wenn er die Wehrmachtsberichte im Rundfunk kritisch interpretierte und zu erkennen gab, daß er ihnen in vielen Punkten nicht traute. Der Kompagniechef hatte ihn deshalb ernsthaft verwarnt; Wasners Lagekritiken waren gemeldet worden, und einige gesinnungstreue Kompagnieangehörige hatten ihn als “Miesmacher” bezeichnet. Wasner war aber nach wie vor der Mittelpunkt eines Kreises interessierter Kameraden, die seinen strategischen Erwägungen amüsiert zuhörten und ihn durch Einwände oder durch übertriebenen Beifall geradezu anspornten, sich als Feldherr zu geben – offenbar nur der Unterhaltung wegen.

Nach einer verlustreichen Rückzugsbewegung im Mittelabschnitt der Ostfront geriet Wasners Lage-Kritik in höchst gefährliches Fahrwasser. Als nämlich einer seiner Kameraden ihn im Spaß oder in ehrlicher Naivität aufgefordert hatte, er solle doch seine Meinung über die Kriegslage seinem ehemaligen Mitschüler als dem obersten Kriegs- und Feldherrn schreiben, der vermutlich gar nicht wisse, wie es unten beim einfachen Landser aussehe, hatte sich Wasner – nach dem schriftlichen Bericht des Kompagnieführers an den Regimentskommandeur, mit dem die Strafakte Blatt 1 begann – wie folgt geäußert:

“Ach, der Adolf! Der ist ja deppert schon von kleinauf, wo ihm doch ein Ziegenbock den halben Zippedäus abgebissen hat!” Und, vom Staunen seiner Kameraden angespornt, war er fortgefahren: “Jawohl, ich bin doch selbst dabeigewesen. Eine Wette hatte er gemacht, der Adi, daß er einem Ziegenbock ins Maul pinkeln würde. Als wir ihn ausgelacht haben, hat er gesagt: “Kommt´s mit, wir gehen auf die Wies`, da ist ein Ziegenbock.” Auf der Wies´hab´ hab ich den Ziegenbock festgehalten zwischen meinen Beinen, ein andrer Freund hat dem Ziegenbock mit ´nem Stock das Maul aufgesprerrt, und der Adolf hat dem Bock ins Maul gepinkelt. Grad´ als er dabei war, hat der Freund den Stock weggezogen, der Bock hat hochgeschnappt und dem Adolf in den Zippedäus gebissen. Geschrien hat der Adi da aber fürchterlich und ist heulend davongelaufen!”

So Eugen Wasner im Kameradenkreise. Dem Kompagnieführer schien nun das Maß voll. Vielleicht schien ihm auch Absicherung angesichts solch staatsgefährdender Reden höchst angezeigt. Er hatte erst die Zeugen, dann Wasner selbst vernommen, der nur zu Protokoll gab: “Jawohl, das habe ich erzählt als einen Spaß aus des Führers Jugend.” Und auf nochmaligen Vorbehalt des Kompagnieführers, der vielleicht das leicht vorhersehbare Verhängnis für Wasner noch abwenden sollte, das könne doch nicht wahr sein, das habe sich Wasner doch nur als dummen Scherz ausgedacht, hatte Wasner geantwortet: “Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Was wahr ist, muß wahr bleiben.” Vorgelesen und von Eugen Wasner unterschrieben.

Der Kompagnieführer hatte seinen Bericht an den Regimentskommandanten mit der Bitte um weitere Veranlassung geschickt, da er in Wasners Äußerungen – der im übrigen wegen seines sonstigen dienstlichen Verhaltens, seiner Einsatzbereitschaft und seiner Kameradschaftlichkeit zu keinen Beanstandungen Anlaß gegeben hätte – einen Fall von Heimtücke und Wehrkraftzersetzung erblicken müsse, der strafrechtlich zu ahnden sei. In jedem Fall bitte er, Wasner zu einer anderen Einheit abzustellen, da er im Verband der Kompagnie nicht mehr tragbar sei.

Schon zwei Tage später war Wasner verhaftet und in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Spandau überführt worden. Als ich Wasner das erste Mal gesprochen und anschließend die Gerichtsakten eingesehen hatte, war ich ziemlich entmutigt. Ich redete ihm mit Engelszungen zu, seine Aussage vor dem Kompagnieführer zu widerrufen und zu erklären, daß die Geschichte mit dem Führer ja nur seiner Phantasie entsprungen sei, weil er vor den jungen Kameraden mit seinem vertrauten Jugendumgang mit Hitler habe prahlen wollen. Aber mit Wasner war nicht zu reden – auch nicht, als ich ihm sagte, daß ihn dies voraussichtlich den Kopf kosten würde. Er blieb hartnäckig. Er erklärte, ein gläubiger und wahrheitsliebender Katholik zu sein, und was er gesagt habe, sei wahr, und wenn er deshalb sterben müsse, so werde er eben unschuldig verurteilt wie Jesus Christus, der ja auch habe sterben müssen. Aber man könne den Führer ja befragen über jenes Jugenderlebnis, Hitler werde die Geschichte, wenn er wahrheitsliebend sei, schon nicht abstreiten. Denn der Bruno Kneisel habe dem Ziegenbock ja die Maulsperre verabfolgt und dann vorzeitig den Stock aus dem Maul gezogen, der könne das auch bezeugen. Über den Aufenthalt dieses Zeugen konnte Wasner allerdings keine Angaben machen.

Meine Unterredung mit dem Oberkriegsgerichtsrat, der für die Buchstaben S-Z die Anklagen zu bearbeiten hatte, verlief wenig hofflungsvoll. Ich vertrat den Standpunkt, daß mein Mandant offenkundig geistesgestört sei, und beantragte deshalb vor Anklageerhebung die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens über den Geisteszustand des Angeklagten. Dies hätte ihm möglicherweise die Wohltat des § 51 StGb, das heißt die Feststellung völliger Strafunmündigkeit bei Vorliegen einer Geisteskrankheit oder aber doch zumindest eine Strafmilderung für den Fall der Feststellung einer vorübergehenden Störung seiner Geistestätigkeit gesichert. Als ich auch nur andeutungsweise erwähnte, daß der Beschuldigte groteskerweise einen Zeugen für jenen Jugendstreich benannt habe, dessen Auffindung und Vernehmung möglicherweise die Erzählung Wasners als reine Hirngespinste entlarven könne, geriet der Anklagebearbeiter in hellste Aufregung. “Um Gottes Willen”, sagte er plötzlich fast bittend, “wollen Sie mich und sich selber auch noch ins Unglück stürzen? Vielleicht verlangen Sie auch noch, daß ich den Führer selbst als Zeugen lade? Das ist doch eine ganz unglaubliche und gänzlich absurde Geschichte! Verschonen Sie das Gericht mit nutzlosen Beweisanträgen!” Mein überaus vorsichtig vorgebrachter Hinweis auf die Pflicht eines Verteidigers, alles zur Entlastung des Beschuldigten im gesetzlichen Rahmen Erforderliche zu tun, quittiere er mit der Erklärung: “Gut, ich werde diesen Kerl also auch noch psychiatrisch untersuchen lassen. Damit basta, Zeugen werden nicht geladen. Der Mann ist ja geständig, geradezu hartnäckig geständig, den Führer perverser Handlungen bezichtigt zu haben.”

Mit diesem Bescheid verließ ich den Oberkriegsgerichtsrat. Jetzt blieb mir nur noch die Hoffnung auf ein einigermaßen günstiges Gutachten. Dafür gab es umsomehr eine Chance, als das Gutachten auf meinen Vorschlag hin von dem Psychiater der Berliner Universität, Professor Dr. Müller-Heß, eingeholt werden sollte, der mit seinen Gutachten schon in manchen politischen Strafsachen Todeskandidaten vor dem Schafott bewahrt hatte. Aber Müller-Heß war gerade im Urlaub, und das Gutachten wurde von einem seiner Oberärzte erstattet.

In der Zwischenzeit hatte ich auf eigene Faust versucht, den Aufenthalt des potentiellen Zeugen Kneisel zu ermitteln. Meine Anfragen an das Einwohnermeldeamt und das Standesamt in Leonding wurden jedoch dahingehend beantwortet, daß der p. p. K. am soundsovielten daselbst geboren, nach Mitteilung des Standeamtes in Wien am soundsovielten des Jahres 1939 verstorben sei; die Todesursache sei Lungenentzündung gewesen. Kneisel war also nicht mehr zu vernehmen, und mich beschlich der hartnäckige Verdacht, daß sein früher Tod mit dem Ziegenbock-Erlebnis seines Jugendfreundes Adolf Hitler etwas zu tun gehabt haben könnte. Der Arm des Führers war lang und unerbittlich, wenn es um sein Vorleben ging, dafür gab es genügend Beispiele.

Das psychiatrische Gutachten fiel für die Zwecke der Verteidigung unergiebig aus. Wasner war dem Psychiater zweimal für einige Stunden zur Untersuchung vorgeführt worden. Ihm wurde zwar weitschweifige Redeweise, angeberhaftes Sichaufspielen, das für Überbewertung des Persönlichkeitsbewußtseins sprach, auch mangelhaftes logisches Denkvermögen und weiterhin eine etwas starrsinnige Religiösität, jedoch keine Umstände attestiert, die auf eine dauernde oder auch nur vorübergehende Störung seines geistigen Vermögens schließen ließen.

Mit Wasners Neffen, der ihn und mich inzwischen in Berlin besucht hatte, telefonierte ich unmittelbar vor dem Verhandlungstermin noch einmal ausführlich, um herauszufinden, ob es irgendwelche anderen Hinweise gäbe, daß sein Onkel irgendwann und irgendwo Lügengeschichten aufgetischt habe. Der Neffe wußte dafür keinerlei Hinweise zu geben. Er erklärte, auch niemals vorher etwas von der Ziegenbock-Geschichte seines Onkels gehört zu haben. Vor der mündlichen Verhandlung gab ich Wasner als letzten Rat nochmals die dringende Empfehlung, seine bisherigen Aussagen zu widerrufen; wenn er mit dem Leben davonkommen wollte, müsse er seine Erzählung über Adolf Hitlers angeblichen Jugendstreich als Lügengeschichte zutiefst bereien.

Die Verhandlung vor dem Zentralgericht des Heeres – die Öffentlichkeit war hier fast immer wegen Gefährdung der Staatssicherheit ausgeschlossen – verlief kurz und militärisch. Der Angeklagte, nach drei Monaten entbehrungsreicher Haft seelisch zermürbt, wurde zur Sache und Person vernommen. Er blieb bei seinen Aussagen und fügte nur hinzu, daß er den Führer nicht habe beleidigen wollen; er habe seinen Kamerden nur einen gemeinsamen Jugendstreich als Scherz erzählen wollen. Er bereue das jetzt sehr. Der geladene Sachverständige, der junge Oberarzt von Müller-Heß, haspelte die Schlußfeststellungen seines Gutachtens herunter; einige meiner Fragen an ihn ließ der Vorsitzende, ein kurz angebundener Generalrichter, nicht zu. Der Ankläger beantragte wie erwartet für den Angeklagten die Todesstrafe wegen heimtückischer und gemeiner Verleumdung des Führers und Reichkanzlers und wegen Wehrkraftzersetzung. In meinem Plädoyer versuchte ich, die Bedeutung der Vorfälle herunterzuspielen; es handele sich schließlich um einen unbedeutenden kleinen Mann, dem zu Kopfe gestiegen sei, daß er den seltenen Vorzug genossen habe, in frühester Schuljugend mit dem Führer zusammengewesen zu sein. Unseligerweise habe er im Kameradenkreise mit dieser Kinderbekanntschaft geprotz, wobei man vielleicht doch auch dafür Verständnis haben müsse, daß in solchen Situationen Jugenderlebnisse übertrieben und manches zuviel gesagt werde; dabei komme es ja oft vor, daß sich im Laufe der Zeit harmlose Ereignisse in Skandalgeschichten verwandelten. Da der Angeklagte sich im zivilen wie im militärischen Leben aber stets einwandfrei geführt, überdies auch echte Reue bekundet habe, sei es zu vertreten, von der höchsten Strafe abzusehen und es bei einer Freiheitsstrafe bewenden zu lassen.

An den kalten Augen des Vorsitzenden und seiner beiden Beisitzer, von denen nur der Unteroffizier hin und wieder halb neugierig, halb mitleidig auf den zusammengesunkenen Angeklagten geschaut hatte, war schon während des Plädoyers abzulesen, daß das Urteil bereits gefällt war, ehe es verkündet wurde.
“Angeklagter, Sie haben das letzte Wort, wollen sie noch etwas vorbringen?” Wasner schreckte auf, holte Luft. Dann erinnerte er sich wohl, daß ich ihm gesagt hatte, sich auf die vom Gesetz vorgeschriebene Frage nur meinen Worten anzuschließen; er sackte zusammen und murmelte nur: “Bei Jesus und Maria, er hat´s aber doch getan, der Adi”, und, dann lauter werdend: “Ich kann´s beschwören, bei meinem Leben.” Das Gericht hatte sich schon erhoben, jetzt sagte der Vorsitzende aufgebracht: “Nun ist es aber genug, das ist ja unerhört.”

Damit war die Verhandlung geschlossen, und die drei Heeresrichter verschwanden im Beratungszimmer. Es dauerte kaum fünf Minuten bis zur Wiederkehr des Gerichtes. Stehend hörten alle Beteiligten das Urteil “Im Namen des Volkes”: “Der Angeklagte Eugen Wasner hat Deutschlands Führer und Reichskanzler in übelster Weise heimtückisch beleidigt und verleumdet. Er hat hierdurch und durch weitere defätistische Äußerungen die Wehrkraft des deutschen Volkes zersetzt. Er wird deshalb mit dem Tode bestraft.”

Die knappe mündliche Urteilsbegründung, die er Vorsitzende pflichtgemäß zu sprechen hatte, begnügte sich mit wenigen Tatbestands-Feststellungen, bei denen auf den möglichen Wahrheitsgehalt der Ziegenbock-Geschichte mit keinem Wort eingegangen wurde. Der Vorsitzende erklärte im Gegensatz zum Urteilstenor, in dem von Beleidigung und Verleumdung des Führers die Rede war, daß der Verurteilte “sich durch üble Äußerungen über den Führer der Heimtücke und der Wehrkraftzersetzung” schuldig befunden habe – zwei Straftatbestände, die außerhalb des Strafgesetzbuches erst nach 1933 durch besondere Strafgesetze (Heimtückegesetz und Kriegssonderstrafrechtsordnung) geschaffen worden waren. Für das verbrecherische Verhalten des Verurteilten, der die Wehrkraft des Volkes in seinem schwersten Abwehrkampf gegen den Bolschewismus rücksichtslos und vorsätzlich in gemeinster Weise geschädigt und zersetzt habe, sei die Todesstrafe die einzig mögliche und angemessene Sühne gewesen.

Wieder einmal hallte dann der schematische Schlußsatz durch den fast leeren Gerichtssaal, den ich in den letzten Jahren immer wieder hatte anhören müssen: “Die Verhandlung ist geschlossen, der Verurteilte ist abzuführen.” Gegen Urteile des Zentralgerichts des Heeres gab es wie bei allen Sondergerichten und beim Volksgerichtshof keinerlei Rechtsmittel. Die Urteile aller Militärgerichte bedurften jedoch zu ihrer Vollstreckung der Bestätigung durch den obersten Gerichtsherrn. Das war als Oberbefehlshaber der Führer, dem hierfür im Oberkommando der Wehrmacht eine Rechtsabteilung zur Verfügung stand, die mit Militärjuristen besetzt war. Im allgemeinen wurde das Bestätigungsrecht auf die Oberbefehshaber der Armeen und der Armeekorps delegiert, für den Bezirk Berlin übte der Stadtkommandant die Befugnisse des Obersten Gerichtsherrn aus, soweit es sich nicht um Sonderfälle oder um Verurteilung von Offizieren handelte, für die der Oberbefehlshaber der Wehrmacht sich die Bestätigung allein vorbehalten hatte.

Hin und wieder war es im Betätigungsverfahren der Verteidigung möglich, durch schriftliche Gegenvorstellungen eine Aufhebung des Urteils und eine Zurückverweisung an das erkennende oder an ein anderes Gericht zum Zwecke neuer Verhandlung zu ereichen, seltener auch eine Abänderung des Urteils durch Milderung des Strafmaßes. In jedem Fall blieb gegen rechtskräftige Urteile auch noch der Weg des Gnadengesuchs offen mit dem Ziele des Strafaufschubs, einer Umwandlung der Strafe oder der Gewährung einer Bewährungsfrist. Für den Gnadenerweis waren bei Militärgerichtsverfahren jedoch dieselben Instanzen wie für das Bestätigungsverfahren zuständig. Je nach Lage des Falles versuchte also ein pflichtbewußter Verteidiger, bei ungünstigen Urteilen für seine Klienten entweder auf dem Aufwendungswege beim Bestätigungsverfahren oder mindestens im Gnadenwege noch etwas herauszuholen – oftmals in einem Schriftsatz, in dem sowohl prinzipielle Einwendungen gegen die Bestätigung eines mangelhalft gehaltenen Urteils erhoben wurden, als auch zugleich, falls die Urteilskritik für unbegründet gehalten werden sollte, um einen Gnadenerweis gebeten wurde.

Im Falle Wasner beriet ich mich mit dem mir gut bekannten Generalrichter Rosencrantz, der beim Berliner Stadtkommandanten General v. Haase praktisch die Funktion des Bestätigungsgerichtsherrn ausübte. Der General billigte nämlich als Gerichtsherr die ihm von Rosencrantz als oberstem Richter des Kriegsgerichts der Berliner Wehrmachtskommandatur vorgetragenen Entscheidungsvorschläge meistens und schenkte seinem Judiz volles Vertrauen. Mit Rosencrantz, der kein Nazi war und oft erstaunlich offen sprach, ließ sich nicht nur korrekt, sondern auch menschlich verhandeln; in seinem Wirkungsbereich hat er unendlich viel Gutes getan und Böses verhindert.

Als ich Rosencrantz den Fall Wasner vortrug, der sich nicht in seinem Zuständigkeitsbereich, sondern als Sonderfall im Berich des OKW befand, weil er beim Zentralgericht des Heeres abgeurteit war, winkte er alsbad ab mit dem Bemerken, daß ihm “dieses dolle Ding von unseres Gröfaz Jugendsünden” schon aus Kasinounterhaltungen mit dem Oberkriegsgerichtsrat bekannt sei, der die Anklage bearbeitet habe. Da der psychiatrische Gutachter nicht funktioniert habe, sei da aber wohl Hopfen und Malz verloren. Übrigens habe Keitel schon heftig protestiert, daß der Anklagevertreter überhaupt noch ein Gutachten eingefordert hatte. Keitel habe auf besonders schnellem Verfahrensablauf mit der ausdrücklichen Weisung auf Antrag der Todesstrafe bestanden. “Tun Sie, was Sie können, lieber Herr Rechtsanwalt”, sagte der Generalrichter, “aber ich sehe da keine Hoffnug mehr. Dem Mann wird nicht mehr zu helfen sein.”

Diese Unterredung fand am Tage nach der Urteilverkündung statt. Einige Tage später erhielt ich das schriftliche Urteil. Umgehend danach reichte ich meinen Einwendungsschriftssatz und zugleich ein Gnadengesuch beim Zentralgericht des Heeres ein. Schon drei Tage später – so schnell hatte ich noch keine Verfahrensabläufe erlebt – erhielt ich die Bestätigung des Urteil durch das Oberkommando der Wehrmacht und die Ablehnung des Gnadengesuches, beide im Auftrag des Generalfeldmarschalls Keitel von Generalrichter Dr. Sack unterzeichnet. Das OKW und seine Rechtsabteilung befanden sich damals in Rastenburg/Ostpreußen in der Nähe des Führerhauptquartiers “Wolfsschanze”. In Eilfällen lief alles über Fernschreiber oder Telephon.

Zwei Tage später kam durch Zustellung die Nachricht, daß die Vollstreckung des Todesurteils morgens 4.30 Uhr am nächstfolgenden Tage stattfinde. Verteidiger mussten von den Hinrichtungsterminen benachrichtigt werden; es stand ihnen frei, daran teilzunehmen. Dagegen war ihnen verboten, dem Verurteilten vom Zeitpunkt der Hinrichtung Nachricht zu geben. Das besorgte ausschließlich der Anklagevertreter am Abend vor der Hinrichtung. Der Gefängnisgeistliche und der Verteidiger durften den Verurteilten eine halbe Stunde vor der Hinrichtung für zehn Minuten aufsuchen.

In einer dunklen, regnerischen Novembernacht fuhr ich – nicht zum ersten Mal – mit einer Taxe in das Gefängnis Plötzensee in der Berliner Jungfernheide, war um 4.00 Uhr dort und wartete dort vor der Zelle Wasner im sogenannten Todesflügel. Der katholische Geistliche war bei ihm. Als er herauskam, ging ich hinein. Wasner war gefaßt, er saß mit Drillichhose, Holzpantoffeln und einem offenen Leinenhemd auf seiner Pritsche, die Hände hatte er noch gefaltet. Aus jedem Auge lief langsam eine Träne.

Ich sagte ihm mein Bedauern, daß ich nichts für ihn hätte erreichen können, wir lebten in schlimmen umd schweren Zeiten, ein Menschenleben gelte nicht mehr viel. Wasner sagte langsam: “Ein Menschenleben gilt für nix, aber ich hoffe doch im Himmel droben.” Ich sagte: “Ja, gewiss.” Wasner bat mich noch, seinem Neffen zu sagen, daß er keine Furcht vor dem Tode gehabt habe und dass er ihn herzlich grüßen lasse. In diesem Moment kam mit schweren Tritten der genagelten Stiefel das Begleitkommando von sechs Soldaten und einem Unteroffizier, dazu der Oberkriegsgerichtsrat der Anklage; der Geistliche stand an der Zellentür. Wasner stand auf, gab mir ohne ein Wort die Hand und ging zum Geistlichen, der ihn in den Arm nahm und in den Gang führte. Er blieb neben ihm, als sich die Gruppe in Marsch setzte. Ich ging im Abstand von einigen Metern mit, einen Gang entlang, dann eine Treppe nach unten, dann wieder einen Gang bis zu einer Eisentür. Dort stand ein Schließer, der die Tür in den Hof öffnete, in dem die Guillotine stand und wo der Henker mit seinem Gehilfen in trüber Beleuchtung wartete. Man ging einzeln durch die Tür, die dann vom Schließer wieder geschlossen wurde. Ich blieb hinter der Tür stehen und stand jetzt etwas hilflos da. Da sagte der Schließer: “Heil Hitler, Herr Rechtsanwalt, ich geh auch nicht mehr hinaus. Sie können wieder gehen. Ich muss ja noch hierbleiben, ist schon nicht einfach. Nacht für Nacht dasselbe.” Ich sage auch “Heil Hitler” und ging davon, die Schläge des Armesünderglöckchens im Ohr.

In vielen Hitler-Biographien ist von Historikern, Ärzten und Publizisten auch nach der seelischen Konstruktion dieser unheimlichen Erscheinung gefragt worden, wobei mitunter auch auf seine Beziehungen zu Frauen eingegangen wurde, die recht spärlich gewesen zu sein scheinen. Man hat versucht, sein merkwürdiges Verhalten zu Eva Braun zu verstehen, eine erotische, aber offensichtlich asexuelle Beziehung, seine Einsamkeitsanwandlungen, seine Wutanfälle, seine unbarmherzige Rachsucht und seinen geradezu pathologischen Trieb zur Vernichtung eingebildeter Feinde. Noch mehr als fünfunddreißig Jahre nach seinem Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei steht die Welt vor dem psychologischen und psychiatrischen Rätsel dieses unheimlichen Bewegers der Weltgeschichte. Wenn ich heute an Wasner denke, so will mir scheinen, daß solche Verirrungen eines Jugendlichen, wie sie Wasner vom achtjährigen Hitler berichtet hat, einen kleinen Mosaikstein zur Aufschlüsselung eines Mannes geben, der vielleicht Genie, sicher Monster gewesen ist. An dem Wahrheitsgehalt von Wasners Bericht, der ein naiver, aber tief gottesfürchtiger Mensch war, habe ich nie einen Zweifel gehabt.”

Gott segne an uns allen diese Geschichte. Damit wir nie wieder einen gewählten Herrscher wie Adolf den Schrecklichen bekommen.


Mär 8, 14:54

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